Eine sachliche Buchkritik – William Golding: Herr der Fliegen

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Heute gibt es eine Rezension in einer Form, wie ich es noch nie hatte: Als ganz sachliche Buchkritik, wie sie auch in einem Magazin oder einer Zeitung stehen könnte. Der Hintergrund dazu: Im Deutschunterricht in der Schule behandeln wir das Thema "Kommentar", welches auch in der Schulaufgabe dran kommen wird. Wir müssen ihn nicht analysieren, sondern selbst einen schreiben. Als Schullektüre hatten wir "Herr der Fliegen" gelesen und so mussten wir als Hausaufgabe eine Buchkritik darüber schreiben. Vorgegeben waren 100 Wörter. Ich gab mir aber die volle Dröhnung: 528 Wörter habe ich abgegeben. Den Kommentar könnt ihr heute lesen – viel Spaß!

Herr der Fliegen // Geschrieben von William Golding // Aus dem Englischen von Hermann Stiehl // 280 Seiten // Taschenbuch // Preis: 7,95 // Verlag: fischerverlage // Erscheinungsdatum: 1954

Eine Gruppe englischer Schuljungen gerät infolge eines Flugzeugunfalls auf eine unbewohnte Insel im Pazifischen Ozean. Kein Erwachsener überlebt. Zunächst erscheint der Verlust zivilisatorischer Ordnungsprinzipien leicht zu bewältigen: auf der Insel gibt es Wasser, Früchte, sogar wilde Schweine, die erlegt werden können. Ralph läßt Hütten bauen, erkundet die Insel, richtet einen Wachdienst für das Signalfeuer ein. Der gute Anfang aber führt in eine Krise, die bald diabolische Formen annimmt. Aus der Jagd wird blutiges Schlachten - die Jäger und die Hüter des Feuers geraten in einen Kampf auf Leben und Tod. Die Gemeinschaft zerfällt, Terror und barbarische Primitivität gipfeln im Machtrausch, der auch Mord nicht ausschließt. Das Beängstigende an diesem Gleichnis menschlicher Gesellschaft ist die Tatsache, daß diese Jungen keineswegs Monstren oder Verbrecher sind. Jeder von ihnen ist in irgendeiner Jungenklasse der Welt zu finden. (fischerverlage)

Immer aktuell, immer präsent in den Medien: der Krieg. Momentan fliehen Menschen aus Syrien, Afghanistan und etlichen Ländern mehr in das sichere Europa. Die Reise dorthin ist alles andere als sicher. Fliegen ist wegen den fehlenden Visa keine Alternative mehr. Man muss also fahren, laufen und wahrscheinlich mit einem brüchigen Boot über das Mittelmeer fahren. Stellen Sie sich vor, es ist Krieg und es gibt die Möglichkeit, sicher per Flug zu fliehen. Sie nehmen sie und es passiert das Unerwartete: Das Flugzeug wird abgeschossen und stürzt auf eine einsame Insel ab. Wie durch ein Wunder überleben Sie mit vielen anderen Menschen Ihres Alters und müssen mit der Situation zurechtkommen und das Beste daraus machen. Sie wählen einen Anführer, aber alles, was Sie tun, artet in Chaos aus. Nicht alle ziehen an einem Strang und wenn, dann unüberlegt und überstürzt. Sie klammern sich an die Hoffnung, dass jemand kommt und Sie holt. Nun stellen Sie sich vor, die Gruppe der Überlebenden einschließlich Ihnen ist zwischen sechs und 13 Jahre alt.

Der Leser beginnt mit ungefähr diesem Wissen das Buch „Herr der Fliegen“ von William Golding, welcher hierfür den Literatur-Nobelpreis erhielt, und erwartet eine Abenteuergeschichte mit Action, Spannung und Emotionen. Dieses wird allein schon beim Konzept geboten. Es ist äußerst interessant und, wie man aktuell in einigen Flüchtlingsheimen sieht, sehr realistisch: Die Asylbewerber wohnen den ganzen Tag auf begrenztem Raum zusammen, stehen in der Früh auf, haben keine Verpflichtungen, machen also nichts und gehen am Abend wieder schlafen. Da ist es doch klar, dass irgendwann jemandem die Decke auf den Kopf fällt und er bei einer kleinen Auseinandersetzung zu schlägt. Ebenso ist es zu erwarten, dass den Inselbewohnern metaphorisch bald die Köpfe platzen, wenn man plötzlich mit Fremden 24 Stunden, sieben Tage in der Woche auf komprimiertem Raum zusammenlebt. In diesem Buch werden ganz normale Konflikte ausgetragen, die jedoch nicht normal bleiben, sondern über Rivalität und Neid bis hin zu Totschlag hinausgehen. Manche Menschen wünscht man weit weg auf eine einsame Insel, wohin sowas jedoch führen könnte, wird interessant gezeigt.

So toll die Geschichte aber auch ist, lässt der Schreibstil doch sehr zu wünschen übrig: Die Handlung der ersten sieben Kapitel langweilt den Leser nicht nur mit Spannungslosigkeit, sondern auch mit seitenlangen Landschaftsbeschreibungen. Letztere mögen vielleicht bei der gedanklichen Orientierung auf der Insel helfen, aber ein Großteil der Leser überspringt die unnötigen Szenerieverherrlichungen und verpasst womöglich einen Satz wichtiger Handlung. Hier hätte der Autor Geld, Papier und Tinte sparen und stattdessen seine Leser durch Interessantes an der Stange halten können. Glücklicherweise steigert sich im letzten Drittel der Spannungsbogen und gewinnt an Action für ein rasant-spannendes Ende.

Beim Zuklappen von „Herr der Fliegen“ hören die Gedanken um die Geschichte längst nicht auf. Es ist geeignet als Diskussionsgrundlage in viele Richtungen und nicht nur das: Man ist erstaunt, wie William Golding die Menschheit analysiert hat und welche Schlüsse der Leser ziehen kann. Das Böse steckt schon seit jeher im Menschen drin, ebenso der Durst nach immer gleichbleibenden und sich immer wiederholenden Ritualen.

Von der besten literarischen Leistung 1983 habe ich einen überaus überragenden Schreibstil kombiniert mit einer genialen Geschichte erwartet. Zweiteres hat sich bewahrheitet, Ersteres leider nicht. Deshalb: Idee top, Umsetzung flop!




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